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OpenWeek – Nachlese der Woche zur Zeitenwende im Tourismus

„Was meinen wir denn nun genau mit Lebensraum? Und was heißt das für uns?“ Hast du dich das auch schon gefragt? Dann geht es dir wie den Pionier*innen, die Ende Mai bei der ersten OpenWeek dabei waren.

Über das Format haben wir an vielen Stellen bereits berichtet (zum Beispiel in diesem Beitrag oder auf der Website der OpenWeek). In diesem Beitrag wollen wir also auch die inhaltlichen Erkenntnisse der Woche mit dir teilen.

Adios Destinationsmanagementkonzept. Hello Lebensraumkonzept!

Im ZukunftIMPULS zu diesem Thema hatten wir im Januar bereits darüber gesprochen, was es für eine ganzheitliche Lebensraum-Betrachtung braucht. Die OpenWeek haben wir nun genutzt, um das zu vertiefen.

„Der Gedanke lautet: Weg von der reinen Fokussierung auf die Bedürfnisse der Gäste, hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Region, welche die Bedürfnisse der Einheimischen, aber auch der Umwelt und Natur berücksichtigt“, fasst Kristine Honig es so schön zusammen.

Kristine Honig beim Barcamp der OpenWeek

„Die Tourismuskonzeption als solche kann es nicht mehr geben“ – eine der Kernerkenntnisse von Kristine Honig in der OpenWeek (Foto: Christoph Aschenbrenner / Realizing Progress)

Das bedeutet auch: Ein Tourismus-/ Destinations- /Lebensraumkonzept muss in Zukunft zu diesen Aspekten Überlegungen und konkrete Maßnahmen beinhalten! Ansätze hierfür sind beispielsweise:

  • Zielgruppen: Diese enthalten nicht nur Gäste-Personas, sondern auch eine genaue Betrachtung der Einheimischen (und eine Definition, was wir mit „Einheimisch“ eigentlich meinen).
  • Naturräume und die wechselseitige Beziehung zu ihnen. Wie profitieren wir von der umgebenden Natur? Wie beeinflussen wir sie durch unser Verhalten? Welche Maßnahmen unternehmen wir, um eine Verträglichkeit herzustellen?
  • Und das wohl Wichtigste: Jede Region muss für sich definieren, was sie unter Lebensraum-Management versteht. Welche Aufgaben fallen darunter? Was liegt in der Verantwortung anderer Institutionen?
    Das ist insbesondere wichtig, weil Lebensraumgestaltung nur im Zusammenspiel mit anderen Organisationen gelingen wird. Der Begriff wird allerdings ganz unterschiedlich verstanden! Naturschützer*innen denken dabei vielleicht zuerst an Habitate seltener Tiere und Pflanzen. Die lokale Politik zählt dazu auch Daseinsvorsorge wie Bushaltestellen, Einkaufsmöglichkeiten oder ärztliche Versorgung.

Die Frage ist also: Wie können in einem neu gedachten Management-Konzept alle ihre Stärken einbringen, sodass ein ganzheitlich gut gestalteter Raum entsteht? Unerlässlich dafür ist, eine bunte Mischung aus Personen in der Konzeption einzubinden. Und eben nicht nur Tourismusakteur*innen aus Hotellerie, Freizeitwirtschaft und Verbänden.

 

Innovative Lebensraum-Ansätze im Allgäu live und in Farbe

Einer der Hauptgründe, warum wir die OpenWeek ins Leben gerufen haben: Zukunftsgedanken brauchen Zeit, um zu reifen. Klar hätten wir uns auch nur drei Tage vor Ort treffen können – und die Allgäu GmbH hätte einen schnellen Impuls zum Lebensraum-Konzept gemacht. Aber das reicht einfach nicht, wenn man wirklich verstehen will! Dafür muss man anschauen, sich austauschen, nachfragen, unzählige Male zu jeder Tageszeit durch den Kurgarten gehen.

Drei Personen wandern oberhalb von Ofterschwang in der OpenWeek

Eintauchen in den Lebensraum: ein zentrales Anliegen der OpenWeek (Foto: Christoph Aschenbrenner / Realizing Progress)

Wir haben uns bewusst Zeit genommen, einzutauchen und spannende Ansätze im Lebensraum Allgäu zu entdecken. Einige sind mir besonders hängen geblieben, diese möchte ich mit dir teilen:

  • Zusammenarbeit und neue Synergien. Bei unserer Lernreise durften wir regionale Wertschöpfung entdecken. Mein Aha-Moment: Eine Kita, die über die Hotelküche versorgt wird. Damit hat ein Hotelier eine verlässliche Einkommensquelle und die Kinder profitieren von hochwertiger Küche. Natürlich mit regionalen Produkten – die Landwirtschaft freut sich über gesicherte Abnahme, die Natur über kurze Lieferwege.
  • Besucher*innenlenkung muss (auch) menschlich sein. Im Naturpark Nagelfluhkette lernten wir die Ranger kennen, die nicht nur Lieblings-Testimonials in der Presse sind, sondern ganz konkret vor Ort wirken. Als Expert*innen sind sie für Besucher*innen ansprechbar und entschärfen durch ihre zugängliche Art Konflikte im Gelände. Sie geben der Natur eine Stimme und können damit viel besser auf manche Aspekte hinweisen als unpersönliche Schilder.
  • Marken brauchen eine wertebasierte Zusammenarbeit. Das Allgäu ist vor allem ein starker Wirtschaftsstandort für Industrie und Gewerbe; Tourismus ist nur einer von vielen Zweigen hier. Die Allgäu GmbH möchte alle unter einem Dach bündeln und mithilfe einer Markenpartnerschaft die Identität nach Innen leben und nach Außen zeigen. Aber nicht jedes Unternehmen kann einfach so Partner werden! Nur wer nachhaltige Aspekte lebt und die Werte der Marke teilt, darf sich mit dem Allgäu-Logo schmücken.
    Dieses bewusste Wirken nach innen ist – wie oben erwähnt – unverzichtbar für einen funktionierenden Raum und die Glaubwürdigkeit der Organisation!

Wir müssen also über die Grenzen touristischer Betriebe und eingefahrener Muster hinausdenken. Wie kann ein touristischer Betrieb Wert für die Bevölkerung schaffen? Brauchen wir überall Lebensraum-Botschafter*innen, die ansprechbar sind – auf dem Marktplatz, am Wanderweg, in den Partyvierteln der großen Städte?

Außerdem nehme ich mit, dass wir alle viel mehr Zeit für Gespräche und das Erkunden einer Region einplanen sollten. Das gilt für uns als Berater*innen, aber letztlich für alle, die Räume gestalten. Egal ob es die Pause auf dem Marktplatz, der Ausflug auf dem Radweg oder das Gespräch mit Einheimischen im Eiscafé ist. Also raus mit euch und ab ins Gespräch!

 

Eine CoWorkation macht was mit den Menschen

„Und wie wars für dich persönlich?“ Eine Frage, die mir reichlich gestellt wurde. Und die ich an andere Teilnehmer*innen gerichtet habe. Persönlich kann ich sagen: Es war wunderbar! Extrem anstrengend und extrem schön und wertvoll. Ein Teil dessen ist sicher der Corona-Situation geschuldet. Eine Woche unter so vielen Leuten zu sein ist schon besonders.

Eine Hand schreibt etwas auf eine Moderationskarte

Leben, Arbeiten, neue Perspektiven. Das ist macht eine gelungene Coworkation aus! (Foto: Christoph Aschenbrenner / Realizing Progress)

Aber ich habe so unendlich viel mitgenommen! Die Woche war wunderbar, um gemeinsam tief in Inhalte rein zu denken. Insbesondere der Hackathon, der am letzten Tag der Woche stattfand, war hierfür eine Schatzkiste. Fragen, denen sich die Teams widmeten, waren etwa:

  • Wie beziehen wir die Perspektive der Natur endlich konsequent mit ein und machen nicht nur „grünes“ Marketing?
  • Können wir über Hormonmessung im Abwasser feststellen, wie glücklich Einwohner*innen sind?
  • Können Daten aus Sensoren eine Indikation für Lebensqualität liefern?

Für mich waren die Menschen in der Woche einfach der größte Mehrwert. Ich durfte individuelle Lebenswege kennenlernen. Durfte in die Perspektive meines Gegenübers eintauchen. Sei es bei einer Wanderung im Naturpark Nagelfluhkette, beim Abendessen oder beim Plausch mit unserem Gastgeber Toni (der in der Fiskina überragend für unser leibliches Wohl gesorgt hat – geht hin, wenn ihr mal in der Ecke seid!).

Und es ging, glaube ich, nicht nur mir so. Ich bin mir sicher: Diese Coworkation hat was mit den Menschen gemacht. Kein Barcamp, keine Konferenz, kein Seminar kann das leisten. Die Mischung aus festen Formaten und frei verplanbarer Zeit zusammen mit interessanten Köpfen stellt vieles auf den Kopf, das unseren Alltag ausmacht. Denn wann haben wir mal so viel Zeit, um Dinge sacken zu lassen und sie dann ganz in Ruhe weiter zu denken und zu vertiefen?

Und das bringt mich zu meinem abschließenden Gedanken.

Zukunft gestalten geht nur, wenn man sich Zeit für die wichtigen Dinge nimmt

Catharina Fischer von Realizing Progress hält eine OpenWeek-Fahne in der Hand vor dem Kurhaus in Fischen

Die Zukunft fest im Blick: manchmal muss man sich Zeit nehmen, um Gedanken zu Ende zu denken. (Foto: Christoph Aschenbrenner / Realizing Progress)

Wir haben große Aufgaben vor uns. Das Lebensraum-Thema wird zentral in den kommenden Jahren. Als Gesellschaft stehen vor der Phase des „Degrowth“, also der bewussten Verkleinerung. Das braucht systemisches Denken. Das braucht ein tiefes Verständnis für Themen wie Ökosysteme, Soziales Gefüge und neue Ansätze für lebenswerte Städte und Regionen.

Zeit ist das Wertvollste, das wir haben – denn wir bekommen sie nie wieder zurück. Sowohl auf persönlicher Ebene als auch als Gesellschaft. Ich frage mich nach der Woche also: „Wofür investiere ich in Zukunft mehr Zeit, um danach mit viel Energie und Fokus die richtigen Dinge richtig gut zu tun?“


Noch mehr Eindrücke der Woche

Ein ganz besonderer Dank gilt abschließend Christoph Aschenbrenner und Alexander Mirschel, die für hervorragende Bilder und Videomaterial gesorgt haben. Und was wäre die OpenWeek gewesen ohne den rasenden Live-Reporter Günter Exel!

Spätestens an Tag 2 hatten sich, glaube ich, alle daran gewöhnt, ständig von Günter vor die Linse gebeten zu werden. Das Ergebnis? Eine hervorragende Live-Reportage! Schau doch mal in diese Links, wenn du inhaltlich noch mehr zu den einzelnen Tagen erfahren magst, inklusive vieler Videos sowie Stimmen der Teilnehmer*innen.

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Anna Scheffold

Als Beraterin für Strategie und Experience Design helfe ich dir, Produkte und Services zu schaffen, die deine Kund*innen lieben. Perspektivwechsel ist mein großes Stichwort. Denn mit einer großen Prise Empathie macht das alles mehr Spaß und befähigt uns zu außergewöhnlichen Ideen. Gemeinsam wollen wir verstehen, wo der Schuh drückt und welche Chancen sich daraus ergeben. Anschließend entwickeln wir Produkte und Services, die eine ganzheitliche Erfahrung herstellen. Ich begleite dich dabei vom großen strategischen Blick und – wenn du magst – bis in die Pixel und Texte deiner digitalen Anwendung.