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Design Sprint im Tourismus – nur 5 Tage vom Problem zum konkreten Ergebnis?

Es ist Freitagnachmittag. Du und dein Team sind ausgelaugt. Aber glücklich. Am Montag erst haben wir noch darüber diskutiert, wo die Destination 2025 im Bezug auf Mehrtageswandern stehen soll. Und jetzt hältst du ein Post-it in der Hand. Darauf steht: „Ja, mit dieser neuen Kampagnen-Website können wir unsere Zielgruppe für das Thema Mehrtageswanderung begeistern.“

Du lässt den Blick noch mal schweifen: Da drüben hängt der Prototyp dieser neuen Website, den wir gestern gebastelt und erst heute Vormittag mit echten Vertreter*innen der Zielgruppe getestet haben. Und das alles in fünf Tagen??

So oder so ähnlich spielt sich der Freitagnachmittag des Design Sprints ab. Aber fangen wir mal ganz vorne an.

 

Der Design Sprint – in 5 Tagen vom Problem zur vertesteten Produktidee

Ganz allgemein gesprochen ist der Google Design Sprint ein fest definiertes Workshop-Format, das von Google Ventures ins Leben gerufen wurde, um Start-ups möglichst schnell auf ihre Marktfähigkeit zu testen.

Die Workshop-Methode konzentriert sich darauf, in fünf Tagen die wichtigsten Elemente eines Design-Prozesses zu durchlaufen.

Schematischer Ablauf des Design Sprints (anklicken, um in großer Ansicht zu betrachten)

Das Schaubild oben zeigt den Ablauf im Detail. Kondensiert:

  1. Am Montag setzen wir strategische Leitplanken und entscheiden das Ziel der Woche,
  2. am Dienstag entwickeln wir Ideen und Lösungsansätze,
  3. am Mittwoch treffen wir eine Entscheidung für einen Lösungsansatz, der vertestet werden soll.
  4. Diese Lösungsidee wird am Donnerstag in einem Prototyp umgesetzt,
  5. der am Freitag mit echten Vertreter*innen der Zielgruppe getestet wird.

Am Freitagnachmittag kann man dann die Frage beantworten: erreichen wir mit dieser Idee unser langfristiges Ziel?

Fünf Tage klingen erstmal viel. Sind aber extrem knapp, wenn man bedenkt, dass an jedem Tag andere Aufgaben und Ziele gesteckt sind. Und das ist Absicht.

Du kennst das vielleicht: je mehr Zeit man hat, desto länger brauchen Aufgaben. Aber am Tag vor dem 2-wöchigen Urlaub sind wir alle fix, die Aufgaben vom Tisch zu bekommen. (Das nennt sich übrigens Parkinson’s Law). Genau das ist das „Geheimrezept“ der Methode: Die relativ kurze Zeit zwingt Teams dazu, konzentriert zu arbeiten und schnell Entscheidungen zu treffen. Anstatt also das nächste Meeting mit einem „ja da schauen wir dann mal“ enden zu lassen, bekommt man im Design Sprint jeden Tag klare Ergebnisse.

Und dieser Ablauf eignet sich wunderbar für Fragestellungen im Tourismus! So haben wir z.B. mit der Ruhr Tourismus GmbH in einer Sprint-Woche einen digitalen Reiseführer entworfen und mit echten Vertreter*innen der Zielgruppe vertestet.

Miteinander sprechen statt an den Kund*innen vorbei

Der Design Sprint packt damit eine zentrale Idee des Lean Startup-Prozesses in einen Workshop: Ideen zuerst mit Kund*innen testen, bevor man Geld in die Entwicklung steckt. Wenn also am Freitagnachmittag also die Erkenntnis ist „unsere Idee passt nicht, um unser Ziel zu erreichen“ ist das ebenso ein hervorragendes Ergebnis!

(Beispiel Kampagnen-Website: da kann es in der Entwicklung schnell mal in die Zehntausenden gehen, die man möglicherweise falsch investiert hätte.)

Um das zu erreichen, entwickelt man einen einfachen, aber prägnanten Prototyp der Idee, den man am Workshop-Freitag von Vertreter*innen der Zielgruppe unter die Lupe nehmen lässt. So ein Prototyp ist bei digitalen Produkten meist ein Clickdummy. Der sieht aus wie ein echtes Produkt, ist aber nicht programmiert sondern nur eine Fassade. Im oben erwähnten Sprint mit der Ruhr Tourismus GmbH haben wir z.B. eine täuschend echte Progressive Web App erstellt.

Prototyp eines digitalen Reiseführers – entwickelt im Design Sprint mit der Ruhr Tourismus GmbH

Was ich besonders liebe: den direkten Kontakt mit der Zielgruppe über Marktforschungsdaten hinaus. Das ungeschönte Feedback eröffnet ganz neue Perspektiven und hilft damit oft auch an anderer Stelle, z.B. bei der Gestaltung anderer Produkte oder der Kommunikation.

 

Eine emotionale Achterbahn – „Hat dein Team Bock?“

Die Methode sieht vor, dass man ein interdisziplinäre Team einsetzt. Es braucht Strateg*innen, Kreative, Techies. Es braucht Leise und Laute. Optimisten und Bedenkenträger. Und die werden in den fünf Workshop-Tagen ganz schön gefordert und geraten manchmal auch in gezielten Diskussionen aneinander. Bisweilen eine emotionale Achterbahn!

Ich reduziere es gerne auf die Frage: „Hat dein Team Bock?“ Denn wenn das Team sich komplett agilen Methoden verwehrt, wird es schwierig. Die andere Seite der Medaille: Hat das Team richtig Lust auf die Woche, schweißt der Prozess oft enger zusammen und kann durchaus ein Beschleuniger für neues Arbeiten sein.

Das Gefühl, gemeinsam eine große Aufgabe in kurzer Zeit gelöst zu haben, ermutigt nämlich ungemein.

 

Wann der Design Sprint (k)einen Sinn macht

Die zentrale Frage: kennst du deine Zielgruppe? Der Design Sprint ist ein Gestaltungsprozess, der sich auf die Schnittstelle mit der Zielgruppe fokussiert. Er ersetzt keinen Strategieprozess – kann aber in einen solchen eingebettet oder daran angeschlossen werden.

Über die Jahre habe ich nun viele Design Sprints begleitet und viele Learnings generieren dürfen. Kondensieren kann ich es auf…

5 Erkenntnisse, wann du lieber KEINEN Sprint machen solltest

  1. Du hast noch keinerlei Marktforschung gemacht.
    Ein Design Sprint ersetzt keine saubere Marktforschung sondern ergänzt sie. Führe also davor z.B. schon Gespräche mit Kund*innen oder mache eine Marktanalyse.
  2. Dein Problem ist weder dringend noch wichtig.
    Muss das Problem in 4-12 Wochen gelöst werden? Und gibt es auch Budget für die Lösung? Dann ist es dringend und wichtig.
  3. Die Stakeholder / Entscheider lehnen das Thema komplett ab.
    Ist dies der Fall, läuft ein möglicherweise erfolgreicher Sprint anschließend eventuell ins Leere.
  4. Du willst einfach nur „schnell was zum anfassen“, aber kein Nutzerfeedback.
    Dann kann ein Hackathon oder 2-3 Tage konzentrierte Arbeit sinnvoller sein.
  5. Du bist nicht bereit, Ideen zu beerdigen.
    „Die Idee fliegt nicht“ ist ein gutes und mögliches Ergebnis! Das muss man aber auch emotional akzeptieren können (und gegenüber den Stakeholdern ggf. argumentieren können). Sieh es so: jede verworfene Idee bringt dich näher an die richtige Lösung.

…und wann ein Design Sprint genau das Richtige für dich sein kann

  • Du hast eine Challenge mit klarem Nutzerbezug?
  • Es ist dringend und wichtig, dass dieses Problem gelöst wird?
  • Du und dein Team haben Bock auf eine dynamische Woche?

Dann kann der Design Sprint genau für dich passen!

Rahmenbedingungen für einen Design Sprint passen? Dann go!

Ich hab noch soooo viele Fragen!

Geht das auch als remote Workshop? (Ja, sogar hervorragend) Wie kann so ein Prototyp noch aussehen? Was, wenn wir nur ein kleines Team haben? Wo bekommt man diese Nutzer*innen her, die am Freitag befragt werden sollen? Und welche Probleme kann man damit wirklich anpacken?

Gute Fragen! Schau gerne mal in das offizielle Design Sprint Buch oder auf den offiziellen Blog mit Sprint-Geschichten aus aller Welt. Oder lass uns einfach quatschen, ich berichte gerne aus der Erfahrung von vielen digitalen und analogen Sprints mit ganz unterschiedlichen Teams und Challenges.

 

Epilog. Wie es nach dem Sprint weitergeht…

Zurück in den Workshop-Raum vom Anfang. Du hast gerade dein Post-it angeheftet. Genauso wie der Rest des Teams bist du auf Basis der Nutzer-Interviews davon überzeugt, dass die Idee euch langfristig weiterbringt.

Kommende Woche wirst du die Ergebnisse intern vorstellen, um Budget dafür zu gewinnen. Schließlich ist da noch dieser Fördertopf für Digitalisierung… Mit dem Prototyp und ein paar Zitaten aus den Kundeninterviews kannst du die Idee anschaulich präsentieren! Später könntest du das alles sogar in die Ausschreibung packen, um eine Agentur für die Umsetzung zu finden.

Also gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Seite in wenigen Monaten live geht.

Und jetzt ist es erstmal Zeit, mit dem Team auf die tolle Woche und ihre Ergebnisse anzustoßen und das Wochenende einzuläuten.

 

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Anna Scheffold

Als Beraterin für Strategie und Experience Design helfe ich dir, Produkte und Services zu schaffen, die deine Kund*innen lieben. Perspektivwechsel ist mein großes Stichwort. Denn mit einer großen Prise Empathie macht das alles mehr Spaß und befähigt uns zu außergewöhnlichen Ideen. Gemeinsam wollen wir verstehen, wo der Schuh drückt und welche Chancen sich daraus ergeben. Anschließend entwickeln wir Produkte und Services, die eine ganzheitliche Erfahrung herstellen. Ich begleite dich dabei vom großen strategischen Blick und – wenn du magst – bis in die Pixel und Texte deiner digitalen Anwendung.