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Das Tourismuscamp Schweiz: Ein Nachmittag zum Thema Nachhaltigkeit

Letzten Mittwoch freuten sich meine Netzwerkkolleg*innen Andrea und Pascal ganz besonders, denn das von ihnen und gutundgut initiierte Tourismuscamp Schweiz ging nach ein paar Jahren Pause wieder an der Start und das auch noch ganz digital. Über die Plattform Meetingland trafen sich rund 50 Akteur*innen aus der Schweiz und Deutschland und tauschten sich rund um das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus aus.

Das Tourismuscamp Schweiz mit Meetingland

Swisstainable – Die Nachhaltigkeitskampagne von Schweiz Tourismus

Zum Auftakt und Einstimmung in das Thema Nachhaltigkeit sprachen Andrea und ich mit Samuel Wille, Head of Business Development ad interim und Treiber der Swisstainable Nachhaltigkeitskampagne bei Schweiz Tourismus, und Andreas Koch, Nachhaltigkeitsexperte und Geschäftsführer von blueContec.

Ja, normalerweise gibt es kein Impulsgespräch bei einem klassischen Barcamp und auch die Sessions werden nicht im Vorhinein, sondern während des Camps vorgeschlagen. Insofern war dieses Mal alles etwas anders, aber gerade deswegen auch sehr inspirierend und inhaltlich ausgewogen. Zumal wir auch nur einen Nachmittag Zeit hatten.

Das Impulsgespräch führte die Teilnehmenden wunderbar in das Thema Nachhaltigkeit ein. Wir konnten verschiedene Facetten ansprechen und so den Raum bzw. die Räume für die weiteren Sessions gedanklich öffnen.

Impulsgespräch zum Auftakt des Tourismuscamps. Zum Nachschauen einfach klicken.

Samuel sprach selbstverständlich über Swisstainable und wie es dazu kam. Darüber hinaus aber auch über die drei Ebenen der Nachhaltigkeit – ökonomisch, sozial, ökologisch – und wie Schweiz Tourismus diese in ihrem Tun berücksichtigt. Die ökonomische Ebene sieht Samuel im Grundauftrag der Organisation verankert: Die Förderung des Tourismus und damit auch der Wertschöpfung in der Branche. Die ökologische Nachhaltigkeit ist Kern des Markenversprechens und letztlich natürliche Voraussetzung der Schweiz. Die soziale Nachhaltigkeit wird ebenfalls in die Überlegungen mit eingeschlossen.

Andreas sprach unter anderem über die Chance, bei neuen Produkten die Nachhaltigkeit zu integrieren, sprich Produkte zu entwickeln, welche helfen, die Herausforderungen zu lösen und nicht nur zu mindern. Ein spannender Gedanke, den ich auch letztens in einem Podcast besprechen durfte. Letztlich geht es darum, eine Outside-In-Perspektive einzunehmen. Also die Übersetzung von bestehenden Nachhaltigkeitsherausforderungen in Geschäftschancen (einen Beitrag zur Lösung dieser) und nicht ’nur‘ das Minimieren von negativen Impacts der wirtschaftlichen Tätigkeit. Selbstverständlich variieren hierbei die Möglichkeiten und Chancen je nach Unternehmensform und -ausstattung sowie sozialer und örtlicher Einbettung.

Spannende Sessions zu aktuellen Fragestellungen

Nach diesem vielseitigen Impulsgespräch ging es in die Sessions. Wie schon oben erwähnt, wurden diese im Vorhinein eingereicht, um die verbleibende Zeit bestmöglich zum Austausch nutzen zu können. Alle Sessiongeber*innen bereiteten ein kurzes Intro zum jeweiligen Thema vor und danach ging es in den Austausch. Im Folgenden sind für Euch die Kernaussagen aus jeder Session kurz zusammengefasst.

Sessionrunde 1: 

  1. Nachhaltige Mobilität: Wie können wir Gäste motivieren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen? Welche Rolle spielt die Mobilität der Gäste für Destinationen? – Tina Müller & Claudio Föhn, Netzwerk Schweizer Pärke

    1. These 1: Die DMO hat Einfluss auf das Verhalten.
        • Nicht auf den ÖPNV warten, sondern Alternativen (E-Bikes, Carsharing etc.) und Anreize schaffen.
    2. These 2: Motorisierter Individualverkehr (MIV) muss unattraktiver gemacht werden bzw. ÖPNV attraktiver.
        • Zum Beispiel ÖPNV ins Erlebnis/Angebot integrieren.
        • Umlagen (z.B. Parkplatzgebühren) in Shuttle investieren.
    3. These 3: An- und Abreise muss Teil des Angebotes sein.
        • Entscheidender Faktor Zeitersparnis.
  2. Wertschätzung am Arbeitsplatz – wie sozial nachhaltig sind Feriendestinationen? – Rafael Enzler, gutundgut

    1. Menschen sind der Schlüssel um nachhaltig zu agieren. Glückliche Menschen sind engagierte Menschen.
    2. Soziale Nachhaltigkeit beginnt im eigenen Betrieb. Übergeordnete Themen können mit der Destination angestoßen werden. z.B. wie integriert man Kultur in die Destination.
    3. Einstellung des Managements von Unternehmen ist wichtig, Werte müssen da sein und gelebt werden. Das durchzieht alle Stufen.
    4. Informationsveranstaltungen alleine bringen wenig, wenn das Warum nicht klar aufgezeigt werden kann. Man muss versuchen, die Menschen aktiv mitzunehmen. Zum Beispiel das Thema Food Waste: Mit Betroffenen wie Küchenchefs direkt sprechen, deren Lage verstehen und darauf basierend gemeinsam ins Handeln kommen.
  3. Tue Gutes, und sprich darüber! Wie kommunizieren wir Nachhaltigkeit? An welche Anspruchsgruppen müssen wir denken? – Samuel Wille und Florian Rötheli, Schweiz Tourismus

    Zwei Fragen wurden in dieser Runde diskutiert:

    1.  Zwischen Greenwashing/Greenhushing – Wo ist die Balance und damit Glaubwürdigkeit?
    2. Welche Zielgruppen wollen bzw. müssen wir erreichen?
        • Offen und transparent kommunizieren, dass nicht alles von Anfang an nachhaltig ist und der Prozess die Veränderung bringt – nicht allein das Labeling. Nachhaltigkeit darf Betaversion sein.
        • Leistungsträger mitnehmen und fördern, um somit auf verschiedenen Ebenen das Thema authentisch kommunizieren und leisten zu können.
        • Fokus auf das Angebot, nicht Kommunikation. Es muss nachhaltig sein und nicht nur draufstehen.
        • Nachhaltigkeit sollte viele Menschen überzeugen. Ob sie dafür mehr zahlen, sollte nicht Ausgangspunkt der Überlegungen sein. Nachhaltigkeit bedeutet nicht automatisch höhere Preis.
Mobilität neu gedacht (Foto: Greg Snell)

Nicht überraschend: Mobilität war ein zentrales Thema (Foto: Greg Snell)

Sessionrunde 2: 

  1. Nachhaltigkeit aus Gästesicht – Wie können wir nachhaltiges Reiseverhalten fördern? – Fiona Muller, gutundgut

    1. Welche Ansätze gibt es bereits: Eco Coin – nachhaltiges Verhalten belohnen, Gamification, Nudging
    2. Etablierte Partner suchen und Zusammenarbeit aufbauen.
    3. Nachfrage ist da, es müssen Angebote geschaffen und transparent kommuniziert werden.
  1. Die Integration der UNO-Nachhaltigkeitsziele in konkrete Reiseangebote: Potentiale in der Schweiz? – Ursula Oehy Bubel, Höhere Fachschule für Tourismus Graubünden & Tony Reyhanloo, Kontiki Reisen/DER Touristik Suisse

    Kontiki Reisen hat seine Vision 2030 entwickelt. Basis dieses Engagements bilden die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO – die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), welche als 17 Versprechen für die Zukunft umgewandelt und in einem gemeinschaftlichen Ansatz angepackt werden.

    1. 17 Kundenversprechen formuliert, bis 2030 werden jährlich 2 Kundenversprechen eingelöst. Die Versprechen sind „offen“ gehalten, damit ein Multi-Stakeholder-Ansatz möglich ist. (Ziele ausführlich auf www.kontiki.com/nachhaltigkeit)
    2. Ein Reiseprodukt – entwickelt unter der Berücksichtigung der SDGs – bereichert eine Reise und führt auch zu einer visuellen Wiedererkennung im internationalen Kontext.
    3. Balance, zwischen nachhaltigem Angebot und Kunden nicht überfordern, ist wichtig.
    4. Wichtig: Es geht immer um Erlebnisse und nicht um Labels. Sowie um Menschen und nicht Paketlösungen. Wenn das Erlebnis im Einklang mit den beteiligten Menschen überzeugt, dann spürt das auch der Gast.
  2. Von der Gobi Wüste in die Schweizer Alpen: Naturerlebnis als zentrales Mittel für touristische Angebote – nur Kulisse oder Chance zum Umdenken? Tourismus im Einklang mit Natur und Leuten. Wie geht das? – Lena Michler, International Takhi Group ITG

    1. Die lokale Wertschöpfung und damit die Zusammenarbeit mit Leistungsträgern vor Ort ist ausschlaggebend.
    2. Lokale Produkte als Teil des Erlebnisses.
    3. Es braucht oftmals keine zusätzliche Infrastruktur. Natürliche Voraussetzungen nutzen und belassen. Mut haben nichts zu verändern, um Einklang gewährleisten zu können.
    4. Initial vom Produzent*innen her denken und nicht aus Gästesicht.

Tourismus im Einklang mit Natur und Leuten. Wie können wir das gestalten und welchen Beitrag leisten? (Foto: Greg Snell)

Sessionrunde 3: 

  1. Braucht ein Naturpark nachhaltige Leitprodukte zur Positionierung? Hat ein Naturpark nicht per se ein nachhaltiges Image? – Christian Billau, Erlebnisplan

    1. Es gibt nicht per se das Nachhaltigkeitsprodukt. Gesamtes Paket (entlang der Wertschöpfungskette) muss stimmen.
    2. Unterkünfte sowie Mobilität zahlen auf das Gesamtprodukt und -erlebnis ein und sind größte Hebel.
    3. Parkzentren könnten als eine Art Leitprodukt dienen, um letztendlich Entlastung (Besucherlenkung) für andere Bereiche zu ermöglichen.
  2. Nachhaltiges Essen und Trinken – reichen regionale Produkte oder was braucht es noch? – Andrea, Tourismuszukunft – Realizing Progress

    1. Entscheidungsfrage: Wie können wir uns differenzieren mit regionalen Geschichten? Angebote dahingehend schaffen und darüber erzählen.
    2. Es braucht Zugang und Vernetzung zu Produzent*innen. Es gibt viele Großhändler, die keine nachhaltigen Produkte im Angebot haben. Lokale Produzent*innen schon – Netzwerken ermöglichen und in Kooperationen denken. Die DMO kann hierbei unterstützen.
    3. Aus Gastsicht: Beispiel Hotelzimmer in Schleswig-Holstein mit Namen des Bauern, im Zimmer Wandbild mit Bauern. „Wenn du den 10 Tage im Zimmer hast, willst du den besuchen.“ Super Symbiose, wie Gast und Produzent zusammenkommen.
    4. Es braucht innovative Ansätze für die Landwirtschaft. Auch innerhalb dieser Akteursgruppe braucht es mehr Vernetzung und gegenseitige Unterstützung.
  3. Handbuch und Praxiskurs: Nachhaltigkeit in Schweizer Tourismusdestinationen. Wie geht man das Thema an?  – Yvonne Schuler, Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair

    1. Rolle der DMO definieren sowie Kriterien formulieren und Checklisten veröffentlichen.
    2. Identifikation von konkreten Projekten, Erfolgsfaktoren sowie Prozessen.
    3. Einbezug von Stakeholdern sowie Ausbildung und Lehre: Nachhaltigkeitszirkel Zürich.
    4. Bewusstsein schaffen für: „Heute kann man sich noch mit Nachhaltigkeit positionieren, in 5 Jahren ist es Basisanforderung“. Mehr unter : https://sustainability4destinations.ch/

Wie geht es weiter?

Es sind jährlich zwei Schweizer Tourismuscamps vorgesehen – eines online, eines physischer und ganz klassisch. Nun dsteht das analoge an, vom 12. – 14. Oktober 2021 im Nationalpark Gantrisch. Mehr dazu und wie man sich anmelden kann in Kürze auf der Website vom Tourismuscamp Schweiz: www.tourismuscamp.ch

Habt Ihr weitere Fragen? Dann wendet euch an Andrea oder Pascal.

 

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Realizing Progress – wir gestalten den Wandel
Veränderung ist die zentrale Herausforderung und Chance unserer Zeit. Realizing Progress gestaltet diesen Wandel und begleitet Akteur*innen, die sich mit der Zukunft von Tourismus, Standorten und Lebensräumen beschäftigen. Als internationales Netzwerk mit Partner*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol eint uns die Vision einer offenen, nachhaltigen Welt. Als Visionär*innen mit ganzheitlicher Perspektive setzen wir uns für die Gestaltung von Zukunfts- und Lebensräumen über den Tourismus hinaus ein.

Catharina Fischer

....Beraterin und Netzwerkpartnerin bei Realizing Progress. Seit 15 Jahren ist sie rund um die Digitalisierung im Tourismus unterwegs. Sie baute das internationale Social Media Marketing der Deutschen Zentrale für Tourismus auf und realisierte zahlreiche Online- und Social Media Kampagnen. Darüber hinaus entwickelte Sie bereits verschiede Content-Marketing-Strategien und befasst sich seit den Anfängen des Social Media Marketings intensiv mit einem zielgerichteten Monitoring und der Analyse von Social Media-Plattformen sowie crossmedialen Kampagnen. Mit dem Einstieg bei Realizing Progress beschäftigt sich Catharina vielfach mit strategischen Fragestellungen und realisierte verschiedene Digital-Strategien sowie die Think Tanks Change4Destination und impulse4travel. Ihr Herzensthema ist die Nachhaltigkeit im Tourismus. Hier im Speziellen die resilienten Geschäftsmodelle, die eine zukunftsgerichtete Tourismusbranche dringend braucht.