Lebensraummanagement ist keine Aufgabe, die eine DMO allein bewältigen kann, und ebenso keine Aufgabe für die nur die DMO zuständig ist. Dafür sind die Herausforderungen viel zu komplex, die Interessen zu vielfältig und die Zuständigkeiten zu verteilt.
Lebensraummanagement ist insbesondere eines: eine Gemeinschaftsaufgabe. Denn egal, ob Mobilität, Aufenthaltsqualität, Fachkräfte, Naturschutz, Kultur, Wohnraum oder touristische Entwicklung: Fast alle relevanten Themen entstehen an den Schnittstellen verschiedener Organisationen und Lebensbereiche.
Deshalb geht es beim Lebensraummanagement um Folgendes:
Wen brauchen wir dafür?
Und wie gestalten wir die Zusammenarbeit?
In diesem Beitrag zeige ich dir, welche Akteur*innen für das Lebensraummanagement relevant sind, welche Beteiligungsformen sich unterscheiden lassen und warum Barcamps dabei eine besondere Rolle spielen können. Außerdem gibt es einen Download: „Barcamps wirksam organisieren – Praxisguide für Tourismus, Lebensraummanagement und regionale Netzwerke“.
Lebensräume werden von vielen gestaltet
In unserem Handbuch „Von der DMO zum Lebensraumgestalter“ unterscheiden wir drei Gruppen, die im Stakeholdermanagement besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Institutionelle Akteur*innen
Hierzu zählen unter anderem Politik, Verwaltung, Unternehmen, Verbände und übergeordnete Institutionen. Diese verfügen über eigene Ressourcen, zugewiesene Zuständigkeiten und formelle Entscheidungsgewalt. Damit prägen sie wesentlich die strukturellen Rahmenbedingungen einer Region.
Für dich bedeutet das: Strategische Allianzen, gemeinsames Gestalten und eine klare Rollenklärung sind entscheidend. Denn gute Ideen kommen nicht in die Umsetzung, wenn Verantwortlichkeiten und Entscheidungsspielräume unklar bleiben oder wenn sich relevante Akteur*innen übergangen fühlen.
Raumprägende Akteur*innen
Raumprägende Akteur*innen gestalten den Lebensraum durch ihre tägliche Arbeit und ihre Nutzung des Raumes. Dazu gehören beispielsweise Landwirtschaft, Naturschutz, Kultur, Handel, Bildung, Gesundheit, Mobilität oder soziale Einrichtungen.
Sie spielen in Entwicklungsprozessen eine wesentliche Rolle, denn sie prägen die Entwicklung der Region aktiv mit. Und zwar sowohl in touristischen Bereichen (auch wenn sie sich selbst oft nicht diesem Segment zurechnen), als auch deutlich über den Tourismus hinaus.
Gesellschaftliche Öffentlichkeit
Am Ende entscheidet die Bevölkerung darüber, ob Entwicklungen akzeptiert, unterstützt oder kritisch betrachtet werden.
Das bedeutet nicht, dass alle Einwohner*innen permanent an jedem Arbeitsschritt beteiligt sein müssen. Ihre Perspektiven, Bedürfnisse und Wahrnehmungen müssen jedoch systematisch einbezogen werden. Denn eine Entwicklung ohne gesellschaftliche Resonanz bleibt fragil und ist darüber hinaus auch nicht im Sinne des Lebensraummanagements.
Stakeholdermanagement im Lebensraummanagement bedeutet, sich dieser unterschiedlichen Funktionen bewusst zu sein und diese zu berücksichtigen.
Beteiligung ist nicht gleich Beteiligung

Nicht alle Akteur*innen müssen in gleicher Weise und mit derselben Intensität eingebunden werden. Je stärker eine Gruppe jedoch betroffen ist, je mehr Wissen oder Umsetzungskraft sie einbringt und je größer der tatsächliche Entscheidungsspielraum ist, desto intensiver sollte ihre Beteiligung ausfallen.
In unserem interaktiven Workbook „Von der DMO zum Lebensraumgestalter“ (welches das obige Handbuch ergänzt) unterscheiden wir drei grundlegende Einbindungsformen:
1. Informieren
Die Akteur*innen sollen wissen, was passiert, ohne aktiv an Entscheidungen oder Lösungen mitzuwirken. Information schafft hier Transparenz. Sie ist wichtig, ersetzt aber noch keine echte Beteiligung.
Geeignete Formate sind beispielsweise:
- Pressearbeit mit lokalen Medien, Radiosendern oder Blogger*innen
- analoge oder digitale Informationsveranstaltungen
- Infostände im öffentlichen Raum
- Aushänge im Rathaus oder in öffentlichen Einrichtungen
- Beiträge über eigene Social-Media-Kanäle und Newsletter
2. Konsultieren
Die Akteur*innen bringen ihre Perspektiven, Erfahrungen, Hinweise oder Rückmeldungen ein. Die Entscheidung verbleibt jedoch in der Regel bei der jeweils verantwortlichen Organisation oder einem definierten Entscheidungsgremium.
Konsultation hilft dir zu verstehen, welche Fragen, Konflikte und Bedürfnisse im System tatsächlich vorhanden sind – und nicht nur, welche du aus deiner eigenen Perspektive vermutest.
Mögliche Formate zum Konsultieren sind:
- moderierte Diskussionsveranstaltungen
- Stammtische oder Netzwerktreffen
- Barcamps
- persönliche Gespräche – manchmal reicht tatsächlich ein Kaffee
- Interviews und Onlinebefragungen
- Fokusgruppen
3. Mitgestalten
Die Akteur*innen arbeiten aktiv an Lösungen, Prioritäten oder Entscheidungen mit.
Wichtig ist dabei ein ehrliches Erwartungsmanagement: Wer Mitgestaltung ankündigt, sollte auch tatsächliche Gestaltungsspielräume ermöglichen. Sonst wird aus Beteiligung schnell ein reines Beteiligungstheater – und das funktioniert mittel- bis langfristig eher nicht.
Zum Mitgestalten eignen sich beispielsweise:
- gemeinsame Arbeitsworkshops
- längerfristige Arbeitsgruppen
- Barcamps
- moderierte Dialog- und Entwicklungsprozesse
- Entwürfe mit konkreten Rückkopplungs- und Abstimmungsmöglichkeiten
- offene Beteiligungsplattformen
Warum Barcamps besonders gut zum Lebensraummanagement passen
Du siehst in der obigen Auflistung bereits: Barcamps können sowohl konsultierende als auch mitgestaltende Funktionen übernehmen. Genau darin liegt der besondere Wert für das Lebensraummanagement.
Ein Barcamp ist eine offene Tagung, bei der die Teilnehmenden das Programm selbst gestalten. Es gibt keine vollständig vorab festgelegte Agenda und keine klassische Trennung zwischen Speaker*innen und Publikum. Die sogenannten Sessions entstehen aus den Fragen, Erfahrungen und Themen der Menschen vor Ort. Eine Session kann ein Erfahrungsbericht, eine Diskussion, ein Mini-Workshop, ein gemeinsames Brainstorming oder schlicht eine gute Frage sein.

Barcamps machen die wirklich relevanten Themen sichtbar
In klassischen Veranstaltungen wird das Programm meist im Voraus durch die organisierende Institution festgelegt. Bei einem Barcamp kommen die Themen aus dem Netzwerk selbst. Du erfährst dadurch:
- Was beschäftigt die Akteur*innen aktuell?
- Wo liegen gemeinsame Interessen?
- Welche Konflikte oder Unklarheiten bestehen?
- Wo fehlen Informationen oder Zuständigkeiten?
- Welche Ideen und Initiativen sind bereits vorhanden?
Das Barcamp wird damit zu einer Art Seismograf für das regionale Netzwerk. Es zeigt, welche Fragen überhaupt im Raum sind.
Barcamps verbinden Perspektiven
Lebensraummanagement bewegt sich an zahlreichen Schnittstellen: zwischen Tourismus und Mobilität, Kultur und Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung und Fachkräftesicherung, Naturschutz und Freizeitnutzung, Verwaltung und Zivilgesellschaft.
Diese Perspektiven treffen im Alltag jedoch oft nur punktuell aufeinander. Ein Barcamp jedoch schafft einen gemeinsamen Raum für Menschen aus all diesen Bereichen.
Barcamps bringen Hierarchien in Bewegung
In einem guten Barcamp zählt nicht in erster Linie die Position der einzelnen Menschen, sondern das Thema, die Erfahrung oder die Frage, die jemand mitbringt.
Das erleichtert den Austausch zwischen unterschiedlichen Ebenen: zwischen Geschäftsführung und operativer Praxis, Politik und Verwaltung, etablierten Institutionen und neuen Initiativen. Formelle Machtstrukturen bestimmen hier das Gespräch weniger stark als in vielen klassischen Veranstaltungsformaten.
Barcamps schaffen Beziehungen – nicht nur Ergebnisse
Stakeholdermanagement lebt von Vertrauen und belastbaren Beziehungen. In Barcamp-Sessions lernen sich Menschen über konkrete Themen kennen. Sie entdecken gemeinsame Interessen, verstehen andere Perspektiven besser und entwickeln im besten Fall erste Ideen für Kooperationen. Das stärkt die Region langfristig.
Offen bedeutet nicht beliebig
Ein Barcamp wirkt locker und spontan. Dennoch funktioniert auch en Barcamp nur mit sorgfältiger Vorbereitung. Denn: Die Agenda ist offen. Die Organisation sollte es nicht sein.
Deshalb braucht es bereits vorher Klarheit über Folgendes:
- Welche Wirkung soll das Barcamp entfalten?
- Welche Akteur*innen und Perspektiven müssen vertreten sein?
- Wie offen darf und soll der thematische Rahmen sein?
- Wie wird das Format Menschen erklärt, die noch nie an einem Barcamp teilgenommen haben?
- Wie werden Ergebnisse dokumentiert und weiterbearbeitet?
Ein gutes Barcamp ist offen, aber nicht beliebig. Es lebt von Eigenverantwortung und Beteiligung, benötigt jedoch einen klaren Rahmen und eine professionelle Prozessgestaltung.
Praxisguide: Barcamps wirksam organisieren
Du möchtest selbst ein Barcamp organisieren und unterschiedliche Akteur*innen aus deiner Region miteinander ins Gespräch bringen?

Dann unterstützt dich mein Praxisguide „Barcamps wirksam organisieren – Praxisguide für Tourismus, Lebensraummanagement und regionale Netzwerke“ bei der konkreten Umsetzung (Download)
Darin erfährst du unter anderem:
- warum Barcamps im Lebensraummanagement besonders wertvoll sind
- welches Barcamp-Format zu deinem Ziel passt
- welche strategischen Fragen du vorab klären solltest
- worauf es bei Einladung und Kommunikation ankommt
- wie du Räume, Atmosphäre und Sessionplanung gestaltest
- was die Moderation vor Ort leisten muss
- wie du Ergebnisse dokumentierst und die Wirkung des Barcamps sicherst
- welche Checklisten und Vorlagen dir die Organisation erleichtern
Praxisguide „Barcamps wirksam organisieren“ herunterladen
Ein wirksames Barcamp ist weit mehr als eine offene Veranstaltung. Es kann ein Einstieg in eine tragfähigere regionale Zusammenarbeit sein.
Also genau das, was Lebensraummanagement braucht: bessere Räume für echten Austausch.