Künstliche Intelligenz (KI) polarisiert. Gerade im Nachhaltigkeitsdiskurs wird sie oft kritisch gesehen und das zu Recht: Der Energieverbrauch ist enorm, das Training von Modellen wie GPT-4 verschlingt Ressourcen, in Rechenzentren werden Wasser und Strom in Großmengen benötigt.
Doch dieser Blick erzählt – wie so oft in unserer komplexen Welt – nur einen Teil der Geschichte. Denn KI kann auch ein Verstärker nachhaltiger Entwicklung sein, wenn sie richtig eingesetzt wird. Eine Analyse in Nature Communications (Vinuesa et al., 2020) zeigt: Von 169 Zielen der Agenda 2030 kann KI 134 direkt unterstützen, während nur 59 negativ beeinflusst werden könnten. Besonders groß ist das Potenzial in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Energieeffizienz und nachhaltige Stadtentwicklung.

Im Tourismus, wo ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Fragestellungen zusammenlaufen, bietet KI konkrete Ansätze, um komplexe Herausforderungen besser zu analysieren, Entscheidungen fundierter zu treffen und Kommunikation zielgerichteter auszuspielen.
In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf konkrete Rollen der KI im nachhaltigen Tourismus und stellen drei konkrete Funktionen vor, die KI übernehmen kann: als Content-Optimierer, als Führungsunterstützung und als Perspektivwechsler. Diese Rollen stammen aus unserem KInkTank, den wir gemeinsam mit Partner*innen aus dem Tourismus durchführen.

Drei Rollen der KI im Dienste der Nachhaltigkeit im Tourismus
1. KI als Content-Hilfe: Nachhaltigkeit zielgerichtet kommunizieren
KI kann Inhalte generieren, ja, aber ihre eigentliche Stärke liegt in der zielgerichteten Optimierung. Mit Blick auf Nachhaltigkeit bedeutet das: KI hilft, Inhalte zu erstellen, die zur Marke passen, relevante Zielgruppen ansprechen und gleichzeitig nachhaltige Botschaften transportieren.
Ein praktisches Beispiel: Mit VisitKölnGPT haben wir gemeinsam mit Visit Köln ein KI-basiertes Content-Tool entwickelt, das Kommunikationsrichtlinien, Zielgruppensegmentierung und Nachhaltigkeitsinformationen zusammenführt. Es generiert Inhalte, die sowohl suchmaschinenoptimiert als auch anschlussfähig sind und gleichzeitig Themen wie klimafreundliches Reisen, lokale Anbieter oder soziale Fairness integrieren kann. Aus diesen Erfahrungen heraus ist mit dem DestiHub ein skalierbares Framework entstanden, das sich bereits in Regionen wie Tirol bewährt. In diesem lassen sich auch Assistenten zur Zielgruppenansprache integrieren.
Durch die Möglichkeit, KI entlang klar definierter Werte, Zielgruppenmerkmale und Nachhaltigkeitsdaten zu trainieren, wird die Kommunikation deutlich spezifischer. Statt allgemeiner Botschaften wie “Wir sind nachhaltig” kann Kommunikation nun differenziert, kontextbezogen und zielgruppengenau ausgespielt werden. Gerade im Nachhaltigkeitskontext ist das entscheidend: Denn Zielgruppen (z.B. Sinus-Milieus) unterscheiden sich stark in ihren Bezügen zum Thema, in ihrer Sprache und in der Akzeptanz. Was die eine Gruppe motiviert, lässt andere kalt.
KI unterstützt dabei, diese Differenzierungen abzubilden und überzeugende Kommunikation zu entwickeln – faktisch korrekt, aber auch emotional anschlussfähig. So wird KI zu einem Hebel für nachhaltige Kommunikation mit Wirkung. Und ganz nebenbei wird die Produktion deutlich effizienter: Content kann schneller erstellt, Varianten getestet und Ressourcen geschont werden. Mehr Raum für strategische Inhalte, weniger Aufwand für Routinetexte.
Ein Ansatz, der nicht nur für DMOs, sondern ebenso für Hotels, Reiseveranstalter oder Erlebnisanbieter hochrelevant ist.

2. KI als Führungsunterstützung: Strategisch und datenbasiert entscheiden
Im Managementkontext kann KI als Führungsassistent wirken: Sie analysiert Daten, erkennt Muster, priorisiert Maßnahmen und bietet Entscheidungshilfen. Gerade im Bereich Nachhaltigkeit kommt es häufig zu Zielkonflikten zwischen unterschiedlichen Akteuren in einer Destination. Eine DMO etwa möchte ein nachhaltiges Erlebnis schaffen, das ökologische Verträglichkeit, soziale Akzeptanz und ökonomischen Mehrwert miteinander verbindet. Doch während ein Naturpark vor allem auf den Schutz sensibler Räume fokussiert ist und möglichst wenige Besucher*innen zulassen möchte, zielt ein Hotelbetrieb in exponierter Lage auf maximale Auslastung, inklusive entsprechender Infrastruktur wie Zufahrten oder Parkplätze. Veränderungen etwa in der Mobilitätsplanung oder Besucherlenkung treffen hier auf unterschiedliche Interessenlagen und Prioritäten.
Mit dem DestiHub hat Realizing Progress eine Plattform geschaffen, in der genau diese Herausforderungen integriert werden können. Der DestiHub ist modular und flexibel aufgebaut. Die Integration von KI-basierten Assistenten zur Unterstützung von Strategieentwicklung, Stakeholderfragen oder der Auswertung relevanter Daten, etwa zu Besucherströmen oder saisonalen Nutzungsmustern, ist nicht nur denkbar, sondern bereits möglich. KI kann hier helfen, konkrete Fragen datenbasiert zu beantworten: Wie stark ist ein bestimmter (Natur)Raum belastet? Welche Vorteile ergeben sich aus bestimmten Anpassungen? Welche Entscheidungen fördern ein Gleichgewicht zwischen Schutz und Nutzung?
KI-gestützte Analysen von Besucherströmen, Stakeholder-Interessen oder Zielgruppenerwartungen helfen, Nachhaltigkeitsziele konkret zu operationalisieren.
Dass diese Art der Unterstützung notwendig und sinnvoll ist, unterstreichen auch aktuelle Studien. Eine Analyse von PwC (2024) beleuchtet den Beitrag von KI zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen in verschiedenen Branchen – von Kreislaufwirtschaft bis sozialer Inklusion (zur Studie).
Accenture (2024) zeigt in ihrer Publikation „Work, Workforce, Workers“ (zur Studie), dass Unternehmen mit KI-gestützten Nachhaltigkeitsstrategien deutlich schneller Fortschritte erzielen, etwa durch datenbasierte Steuerung, Automatisierung und verbesserte Entscheidungsfindung. Die Studie hebt außerdem hervor, dass es für Führungskräfte entscheidend ist, ihre Rolle in einer KI-gestützten Welt neu zu definieren: nicht als Controller jeder Entscheidung, sondern als Ermöglicher von Prozessen und Begleiter von Veränderung.
Gerade in Zeiten hoher Komplexität, wachsender Krisenresilienz-Anforderungen und begrenzter Ressourcen kann KI helfen, Orientierung zu geben, Prioritäten zu setzen und wieder mehr Raum für echtes menschliches Führen zu schaffen.

3. KI als Perspektivwechsler: Lebensräume besser verstehen und nachhaltiger gestalten
Nachhaltigkeit bedeutet auch, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen: Die der Gäste, der Einheimischen, der Anbieter, der Verwaltung. Diese Gruppen bringen ganz unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Sichtweisen mit. Während Einheimische möglicherweise vor allem an Ruhe, Lebensqualität und Infrastruktur interessiert sind, legen Gäste den Fokus auf Erlebnisqualität, Anbieter auf Wirtschaftlichkeit und Verwaltungen auf Ordnung, Sicherheit oder Umweltauflagen.
Diese Perspektiven transparent zu machen und in einen Kontext zu setzen, ist entscheidend für nachhaltige Entscheidungen im Tourismus und genau hier kann KI als Perspektivwechsler agieren: Sie hilft, Informationen zu bündeln, Stimmungen zu erfassen, Bedürfnisse sichtbar zu machen und diese für strategische Entscheidungen nutzbar zu machen. KI liefert damit den notwendigen Kontext, um Entscheidungsprozesse breiter abzustützen und Konflikte frühzeitig zu erkennen.
Auch das ist eine Funktion, die im DestiHub umgesetzt werden kann. Semantische Analysen von Social-Media-Kommentaren, die Auswertung von Online-Befragungen oder Input aus strukturierten Beteiligungsprozessen können als Datengrundlage dienen.
Das ist kein Luxus, sondern eine Grundlage für partizipative, resiliente Lebensraumgestaltung. Wer diese Perspektiven der anderen besser kennt, kann nachhaltiger kommunizieren, fairer verhandeln und integrativer handeln. Auch hier sind nicht nur DMOs angesprochen, sondern z.B. auch Reiseveranstalter und weitere Stakeholder, die mit lokalen Akteuren stärker zusammenarbeiten wollen.

Chancen & Herausforderungen: Ein realistischer Blick
KI ist kein Wundermittel. Sie ist so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird und so gut wie die Menschen, die sie nutzen. Der Trugschluss, dass KI quasi allein “läuft”, greift (natürlich) zu kurz. Es braucht Menschen, die Nachhaltigkeit verstehen, lokale Kontexte kennen und mit den KI-Tools verantwortungsvoll umgehen.
Gerade im Perspektivwechsel braucht es Menschen, die den Lebensraum tatsächlich kennen. In der Kommunikation braucht es Fachleute, die Nachhaltigkeitsaspekte einordnen können. Und im Management braucht es kluge Fragen, um aus den vorhandenen Daten und Analysen mittels KI sinnvolle Ableitungen zu treffen.
Ebenso wichtig sind Rahmenbedingungen: Die KI-Nutzung braucht definierte Spielräume, Transparenz, klare ethische Standards und eine offene Kommunikation. Nur dann kann sie ihr Potenzial wirklich entfalten. Als Werkzeug, nicht als Ersatz für menschliche Verantwortung.
Fazit & Ausblick: KI als Werkzeug für nachhaltige Transformation
KI und Nachhaltigkeit müssen kein Widerspruch sein. Richtig integriert, kann KI zum Ermöglicher nachhaltiger Transformation werden. Ob in der Kommunikation, im Management oder im Lebensraumdenken:
Was immer zählt, ist das Wie der Nutzung.

Jetzt kommt es darauf an, diese Potenziale weiterzudenken, gemeinsam weiterzuentwickeln und dabei nie den eigentlichen Kern zu vergessen: Nachhaltigkeit ist kein Add-on. Sie ist der Rahmen, in dem Zukunft entstehen kann.